Kann ich dann nach Hause gehen?

„Ich kenn mich gar nicht aus. Ich bin hier ganz verloren! Weißt du, wo das Klo ist?“

Mitten Raum schaut sie sich ratlos um. Dass ich gerade erst das Zimmer betreten habe, scheint sie nicht aus der Fassung gebracht zu haben. Eher, dass ich nicht sofort eine Antwort habe auf eine dringende Frage: „Kann ich nach Hause und weißt du, wo das Klo ist?“

Tief atmen.

Ich bin froh, dass ich mit dem Krankheitsbild einer – ihrer – beginnenden Demenz vertraut bin. An manchen Tagen ist sie ganz klar. An anderen ist die geistig völlig zerrüttet.

Wir haben uns zwei Wochen nicht gesehen. Corona hält auch ihr Pflegeheim fest in seinen Klauen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es auch sie „erwischt“. Als wir uns das letzte Mal trafen, nahm sie zum Abschied meine Hand und sagte: „Dass du mich immer noch und immer wieder besuchen kommst – wo ich so unausstehlich bin! Danke! Ich würde nicht mehr kommen und mich besuchen wollen.“

Ich hätte es anders ausgedrückt, aber unterm Strich ist das eine gute Zusammenfassung. Bevor wir zu wichtigen Themen des Lebens kommen, muss ich mich erst durch all der Unbill ihres Lebens hören. Niemand hat Zeit und ob überhaupt jemand je ihr Zimmer betritt, sei ihrer Meinung – mal dahingestellt. Ob sie tot im Bett liegen würde oder nicht, würde keiner hier merken, bevor sie nicht zu riechen beginnen würde. Und dann das Essen! Guter Gott! Die Tomatensauce wäre immer schrecklich sauer! Ob denn hier keiner wüsste, dass man immer noch ein Löffelchen Süße dazugeben müsste. Sauer! So sauer! Sie schüttelt sich. Und dann der Gummikäse. Kein Geschmack. Dabei wäre es doch so einfach, auch mal einen anderen Käse zu kaufen, der auch wie gescheiter Käse schmeckt. Und das Brot. Keine Abwechslung. Nie! Zum Haare ausraufen. Alles scheint ein persönlicher Affront gegen sie zu sein. Ihre Wünsche und Anregungen auf ihrer imaginären Liste sind vielfältig und lang. Es will sie keiner hören.

Oder um sie zu zitieren: „Alles Scheiße, deine Elli!“

Ihr Verzeichnis der täglichen Ärgernisse wächst und wird nie weniger. Schönheit gibt es nicht mehr in ihrem Leben. Spazierengehen mag sie nicht. Die Sonne ist ein Ärgernis – „zieh mal den Vorhang zu!“ Lieber möchte sie sich gerne in die Ewigkeit bei einem ihrer Nickerchen „meditieren“. Nur klappt es bisher nicht so ganz. Sterben wäre gut. Sie würde keine Lust mehr haben und „hier tut ja eh keiner was für einen. Ich kost nur Geld und werde am Leben erhalten. Da mach ich nicht mit!“ Und immer ist es so kalt. So schrecklich kalt – „bis in die Knochen hinein!“

Hier – bei ihr – lerne ich atmen. Hier lerne ich aushalten. All den Lebensverdruss, der endlich ausgesprochen werden darf. Wobei – vielleicht erzählt sie es auch jedem, der kommt. Denn ich weiß ja, dass in ihrem Pflegeheim immer wieder jemand kommt und schaut und plaudert und bleibt – wenn auch oft nur kurz. Es bleibt ihr halt leider nicht im Gedächtnis haften.

Alle die schlechte Laune gilt es anzuhören. Es gibt ihre Grund-Angst, nicht gesehen zu werden. Und die von mir hin und wieder ein bisschen aufgefangen werden kann . Widerspruch von mir kann ich sagen – oder auch nicht. Es ist seit geraumer Zeit egal. „Alles eh Scheiße, deine Elli“.

Über allem schwebt ihre Angst, alleine sterben zu müssen.

Wenn alle Verdrießlichkeiten ausgesprochen sind, kommt die Zeit für die Fragen des „Warum“:

Warum lebe ich denn überhaupt noch, wo ich keine Lust mehr habe? Warum bin ich nicht schon tot? Wer will mich denn noch? Warum bin ich einem System gefangen, dass den Einzelnen zwar ernährt und am Leben erhält, aber sich nicht kümmern möchte? Wem dient mein Leben denn noch und ist es nicht hier ein künstliches am Leben lassen und eine „Gelddruckmaschine für den Heimbetreiber?“ Und warum schmeckt der Kaffee nie?

Ich habe wenig Antworten auf ihre vielen Fragen.

Ich weiß nicht, warum ein Heim nicht auch mal eine andere Käsesorte bestellen kann und bei Brotsorten variieren möchte. Ich weiß nicht, warum der Löffel Zucker fehlt und wieso es wichtiger ist, dass der Boden täglich gewischt wird, aber keiner eine Stunde „Malefiz“ mit ihr spielen möchte – nicht dass sie das wollte. „Aber ich könnte. Macht ehe aber keiner mit mir!“

Ich weiß nicht, warum sie leben darf und ein junger Mensch stirbt. Ich weiß nicht, ob ihr Heim durch sie die Lizenz zum Geld drucken hat. Ich weiß nicht, was der Sinn ihres Daseins noch sein könnte. Ich weiß nicht, warum Heime keinen gescheiten Cappuccino, sehr wohl aber „dünne Plörre“ servieren können.

Wir sind mittlerweile seit vielen Jahren verbunden. Drei Umzüge habe ich mit ihr erlebt. Von einer Lebenswirklichkeit in die nächste: Vom autarken Nomadendasein bis nun ins Heim. Wir haben mehrere Klinikaufenthalte „durch“, mit unterschiedlichsten Krankheiten und Verläufen.

Ich habe eine tiefe Weisheit, ihren Humor, ihre außergewöhnlichen Küchenrezepte und eine große Naturverbundenheit durch und mit ihr erlebt. Ihr handgeschriebenes Kochbuch hat sie mir vor einiger Zeit geschenkt. Ihr erstes Rezept, dass sie aufschrieb, ist aus dem Jahr 1957. Da war sie 20 Jahre.

Das Kochbuch. Seit 1957.

Ich mag ihre Art, die Welt zu betrachten. Ich erahne ihre Sicht und Sehnsucht auf das Leben. Ich fühle sie.

Aktuell ist wenig von all dem zu erahnen. Sie ist müde. Lebensmüde. Verwirrt. Manchmal aggressiv oder verzweifelt. Nur hin und wieder gibt es Augenblicke, in denen sie ruhig und gelassen ist.

Möglich, dass all ihre Tabletten mal wieder an ihren Allgemeinzustand angepasst werden müssten. Dass die Psychologin oder ich öfters kommen dürften. Dass Corona vorbei wäre, damit auch in einem Heim Begegnungen „wie früher“ stattfinden könnten. Jemand, der ihr den ganzen Tag Händchen hält und nicht weggeht.

So kennt sie sich nicht aus und seit dem letzten Besuch vor ihrer Corona-Erkrankung, die scheinbar „mild“ verlaufen ist, hat sich der Grad ihrer Zerrüttung weiter verschlimmert.

„Kann ich nach Hause und weißt du, wo das Klo ist?“

„Du bist zu Hause!“

„Ach wirklich? Das ist mein Zuhause?“

Wir sitzen auf ihrem Bett. Sie erkennt mich. Sie weiß meinen Namen. Eigentlich wollte ich nur mal kurz nach ihr schauen. Aber kann man gehen, wenn man die Verzweiflung in jedem Satz spürt? Die blanke Panik nach einer Erinnerung, einem Zuhause, nach Sicherheit und Orientierung?

„Ja. Du bist zu Hause. Du bist sicher. Schau: Hier ist deine gelbe Decke aus Schweden. Du hast deinen Filz-Mantel an. Fühl mal.“

„Hm. Ich muss mal. Weißt du, wo das Klo ist?“

„Schau mal nach links. Die Tür ist offen. Du kannst es sehen. Soll ich dir das Licht anmachen?“

„Da könnte ich hingehen, wenn ich muss.“

„Ja. Da kannst du hingehen, wenn du musst!“

Ihr Wecker tickt leise. Aus dem Garten hört man Stimmen und irgendwo düdelt ein Radio durch den Nachmittag. Auf dem Nachbarhaus gehen auf der Regenrinne zwei Tauben spazieren. Der Himmel hat sein schönstes Kleid angezogen. Es wird Frühling.

Wir betrachten die Tauben, die ich ihr zeige. Den Baum vor ihrem Fenster, der letztes Jahr so spät erst grün wurde.

„Ja. Das ist die Sorte Baum, die erst spät anfängt“, sagt sie. „Bin ich hier zu Hause und zahlt das irgendwer?“

„Das ist dein Zuhause“, wiederholte ich. Vielleicht hört sie es gerade zum 1. Mal. „Du wohnst hier. Da steht deine Staffelei. Welches deiner Bilder, die daran lehnen, magst du am liebsten?“

„Die in der Mitte.“

Die Tauben fliegen auf.

Ich betrachte ihr Gesicht. Alt ist sie plötzlich geworden. Die Haare sind zu lang für ihre mir bekannte Kurzhaarfrisur. Die Lider sind geschwollen und ihre Augen scheinen ganz klein hinter all den Falten und Schwellungen. Ich nehme ihre Hand. Ich mag ihre Hände. Sie sind in meinen Augen wunderschön. Lange Finger hat sie und im Gegensatz zum Rest ihres Körpers sind sie erstaunlich glatt und angenehm kühl. Manchmal creme ich sie sein. Das mag sie sehr und genießt jede Berührung.

„Wohne ich hier?“

„Ja. Du wohnst hier. Es wird für dich gesorgt. Du musst ich nicht anstrengen. Bald kommt das Essen. Ich höre schon den Wagen.“

„Das ist gut. Ich hab Hunger!“

Ich merke, wie sie ruhiger wird.

„Möchtest du ein Nickerchen machen? Bist du müde?“

„Ja. Ich bin müde. Aber wenn ich einschlafe, bist du weg!“

„Ja. Das kann sein, dass ich dann gehe. Aber jetzt ich bin hier und ich bleibe noch.“

„Das ist gut. Ich hab Hunger. Weißt du, wo das Klo hier ist?“

„Schau mal nach links.“

„Kann ich dann nach Hause gehen?“

„Du bist zu Hause!“

Bin ich eine Lügnerin, weil sie vielleicht ein ganz anderes Zuhause meint?

Wir sitzen und ich streichle sie sanft über ihre Hand und zähle auf, woran sie ihr Zuhause erkennen kann: Die blaue Kommode. Ihre Bücher. Ihre Bilder. Die Jacke an der Tür. Ihre Tagesdecke. Ihre Gemüsechips auf dem Tisch. Ihre Tagescreme auf dem Nachtisch. Der Blick in den Himmel, der heute so blau ist.

Wie lange wird es reichen – dieses Gefühl der Sicherheit für den Moment? In einer Welt, in der sie sich nicht mehr auskennt und die sie schon lange „alles Scheiße, deine Elli“ findet?

Wir sitzen.

Das, war wir nicht sagen, versammelt sich im Körper – heißt es. Es verwandelt sich in Angst und Zweifel, in Wut und Ärger, in Trauer und Schmerz. Was wir nicht sagen, verschwindet nicht – auch wenn wir uns nicht mehr erinnern.

Ich wollte nur kurz bleiben. Ich wollte nicht schon wieder die „ewige Leier“ hören, das so oft gehörte Gejammer und all den Verdruss hören.

Ich hörte zu – jenseits der Worte. Ich bin am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.

Es sind Momente des tiefen Mitgefühls für den Nächsten. Wie im Märchen der Frau Holle sind manche Situationen auf einmal da: Brot, das aus dem Ofen muss. Äpfel, die vom Baum geschüttelt werden sollen. Hände, die gehalten werden müssen. Tauben, die beobachtet werden wollen und Angst, die sanft weggesprochen werden möchte.

Ihre Angst von heute könnte meine Angst von morgen sein.

6 Antworten auf „Kann ich dann nach Hause gehen?

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  1. Vielen Dank…
    Für das Geschriebene und dafür, dass Du mir damit gerade mal Bilder aus meinem eigenen Berufsleben gezeigt hast
    Bilder von ganz ähnlichen Situationen, in denen ich oft genug auch keine Zeit hatte, weil der/ die nächste schon wieder klingelte….

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