Was wird aus den Hühnern?

„Ich dachte, ich hätte alles so weit weggepackt. Aber nun ist alles wieder so nah. Es kommt wieder hoch und holt mich ein. Wie das damals war. Im Krieg. Bei der Vertreibung. Wie viel Angst ich hatte.

Die Sorgen um meine zurückgebliebene Freundin, die plötzlich eine andere Staatbürgerschaft zu haben schien – dabei war sie doch meine Freundin, mit der ich so toll Spaß haben konnte und auf Bäumen herumklettern. Sie sollte da bleiben und ich musste gehen. Es hat mir damals das Herz fast gebrochen. Wer würde mir in Zukunft Kränze aus Löwenzahn und Gänseblümchen binden?

Und was würde mit den Hühner sein? Ob sie wohl ihre Freiheit genießen würde, nachdem wir sie aus dem Stall gelassen hatten? Würden sie ohne uns zurecht kommen? Was, wenn der Fuchs sie holt?

Würde einer wissen, dass in der Ecke des Blumenbeets meine Katze Peterle beerdigt war?

Wer würde Fräulein Stemmer zukünftig die Tafel abwischen? Sie konnte sich so gut immer auf mich verlassen – das hatte sie immer gesagt.

Und unser schönes Haus. Das Vestibül mit den Kacheln. Mein schönes Zimmer – direkt neben dem Ankleidezimmer von Mama, aus dem es immer ganz zart nach Flieder duftete. Das Knacken des Ofens, wenn wir im Wohnzimmer saßen.

Die bedrohlichen Nachrichten, die ich nicht einordnen konnte, aber die in meiner Vorstellung immer noch schrecklicher und von Tag zu Tag unheimlicher wurden. Und dann der Aufbruch. Eilig. Und ich wollte nichts zurücklassen und weinte stundenlang.

Und dann sag ich mir immer: Ich bin jetzt alt. Das ist lange her. Und doch holt es mich genau nun wieder ein. Die Nachrichten tun mir nicht gut. Ich habe es schon so gedrosselt, dass ich das mir nur noch einmal am Tag das antue. Denn das „tue ich mir wirklich an“. Alle Wunden werden – manchmal nur durch Kleinigkeiten – aufgerissen und dann muss ich atmen und beten – damit ich wieder auf andere Gedanken kommen. Denn ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, dass ich 1945 war.

Ich komm so schwer aus den Gedankenspirale …“

Als ich mit einer Seniorin, Jahrgang 1937, telefonierte und alles aus ihr herausbrach.

Wenn Sie /Ihr mit alten Menschen dieser Tage sprecht, bedenk: Viele der Kindheitsgeschichten von Krieg/Vertreibung/ Flucht wurden sorgfältig in die hintersten Herzenskämmerleins gesperrt. Die Geschichten der Nachrichten sprengen bei vielen alles wieder auf. Seid da. Hört zu. Bleibt da. Sie alle haben den 2. Weltkrieg erlebt.

Manche wollen nie darüber reden. Das ist ihres Strategie und darf respektiert werden. Manche werden gerade retraumatisiert und wollen reden. Dann – s.o. Seid da. Hört zu. Und erinnert sie hin und wieder sanft daran, zu atmen. Lass sie wissen, dass sie nicht mehr die Kinder in dieser Zeit sind.

4 Antworten auf „Was wird aus den Hühnern?

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  1. Es ist schön, wie Du das beschrieben hast und erinnert mich an eine Nachtwache vor langer Zeit in der Silvesternacht auf der Gerontopsychiatrie.
    Da reichte alleine das Geböller rund um die Klinik herum, um die alten Kriegs-Traumta wieder hochzuholen…
    (mit ein Grund, warum ich schon lange dafür bin, diesen Unsinn endlich abzuschaffen)

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