„Der Segen des Alters besteht nicht im Rückzug,
sondern darin, dass man miteinander sein Leben teilt.“
Anselm Grün
Meistens höre ich zu:
Ich höre Frauen und Männern jenseits des siebzigsten Lebensjahres zu. Sie plaudern. Sie halten Rückschau. Fassen zusammen. Beklagen sich und klagen an. Sie erzählen mir ihre besten Witze und verheimlichen mir nicht ihre schlechte Sexualerziehung. Sie grämen sich über Falten und erschrecken regelmäßig vor dem Spiegel über ihr Alter. Sie reden über ihre Partner, Geschwister und das Verhältnis zu ihren lang verstorbenen Eltern. Ich speichere Geschichten über ihre Weh-Wehchen ab und über die Beschwernisse eines langen Lebens in einem alten Körper.
Ich lerne von diesen Menschen für mein eigenes Leben. Ihre gelebten Geschichten sind in vieler Hinsicht auch immer ein zukünftiger Lebensentwurf für mich selbst. Wie wird man in Würde und Schönheit alt? Wie gelingen Beziehungen? Wie geht man mit Schicksalsschlägen um und mit Krankheiten? Das alles leben mir die Seniorinnen und Senioren vor und teilen ihren reichen Schatz der Erfahrungen.
Ich bin dabei keine stumme Zuhörerin: Ich bin Ermutigerin. Ich bin Klagemauer. Ich bin Würdigerin einer Lebensleistung. Und manchmal auch Geheimnisbewahrerin.
Diese Geschichten, die ich erzählt bekomme, sind für mich ungeheuer kostbar. Kostbar deshalb, weil ich Lebensaugenblicke erzählt bekomme, die oftmals nicht einmal die eigene Familie weiß. Jemandem „von außen“ lassen sich die schweren Zeiten vielleicht auch leichter erzählen. Kostbar sind sie auch, weil sie nicht nur ein spannendes Zeitdokument sind, sondern auch mir ganz persönlich zeigen, wie – oder wie eher nicht – ein gelungenes Leben aussehen kann. Wie ich mir – die nachfolgende Generation dieser Menschen – auch mein eigenes „Alt Werden“ vorstellen kann.
Welche Tricks gilt es besser zu beachten und welche Fallstricke sollte man möglichst zu umgehen?
Sich Geschichten von alten Menschen anzuhören, sie zu „fühlen“, bewirkt in einem selbst etwas: Wenn wir – die „noch Jüngeren“ uns mit dem Alter und dem näher rückenden Ende des Lebens beschäftigen und wenn uns die eigene Endlichkeit wie ein Spiegel vor Augen gehalten wird, können wir das Leben mit anderen Augen sehen. Spätestens dann werden wir feststellen, wie kostbar dieses eine Leben ist, das uns geschenkt wurde. Und wie zerbrechlich Glück ist.
