Verrauscht ist das Getümmel

Der Holzklotz steht dekorativ mitten auf der Kommode. In manchen Möbelläden würde man eine Menge Geld dafür bezahlen. „Shabby chic“ nennt sich heute der Einrichtungsstil, bei dem eine Mischung aus Erbstücken, Flohmarktkäufen und Selbstgemachtem mit sichtbaren Gebrauchsspuren zum Konzept gehören.

Gegenstände, die gebraucht aussehen, erzählen Geschichte. Das ist etwas anderes als seelenloses Pressspan.

Und tatsächlich: Wenn auch dieser Klotz nicht aus einem solchen zumeist hochpreisigen Geschäft ist, erzählt er tatsächlich eine Geschichte. Sogar eine Art Liebesgeschichte.

Eine Lichterkette ist um ihn he­rum drapiert. Ein kleines Bild im Goldrahmen steht davor: Auf einer leicht verblichenen Schwarz- weiß-Fotografie steht ein Haus. Man sieht Bäume und Gebüsch, einen Stall, in der Ferne eine Kirchturmspitze. Geht man näher hin, bemerkt man einen eingeritzten Buchstaben. Oder ist er eingebrannt? Man müsste noch näher ran. Und traut sich irgendwie nicht so recht ohne eine direkte Einladung. Es sieht aus wie eine Art Altar der Vergangenheit.

Der Buchstabe „K“ wurde vor einer Ewigkeit eingeritzt.

Der Klotz war nicht immer ein Klotz. Vor vielen, vielen Jahren war er Bestandteil eines Tores zu einem Stall. Einem Stall, der heute nicht mehr in unserem Land angesiedelt ist.

Der Stall steht nicht mehr. Auch nicht das Haus. Und auch die Bäume und Büsche sind andere als vor über 70 Jahren. Hier wohnte der heute über 95-Jährige einst.  Ende des Krieges kam er in russische Kriegsgefangenschaft.

Seinen geliebten Bruder sah er nie wieder. Er fiel in Russland.

Seine Heimat sah er viele Jahre nicht wieder.

Vor einigen Jahren ergab sich jedoch ein Besuch im Ort seiner Kindheit und Jugend. Nichts gab es mehr zu sehen, was einen Hauch von der damaligen Heimat ausgemacht hätte.

Doch dann stolperte er fast über diesen Klotz. Er erkannte ihn an dem eingeritzten Buchstaben, dass das der Eingang zum damaligen Stall war. Es kam ihm vor wie ein Wunder. Da, wo nichts mehr zu sehen war, lag dieser Klotz, den er eindeutig zuordnen konnte.

Da war er kurz wieder Kind. Und sah genau zu, wie sein Bruder mit einem Schnitzmesser seine Initiale heimlich in das Holz ritzte und dabei kicherte.

„Es war wie ein Gruß meines Bruders aus der Ewigkeit! Als hätte er ihn extra dort für mich zurückgelassen“, sagt der alte Mann.

Abends beteten die Brüder einst immer gemeinsam. Dies ist das Nachtgebet der beiden. Der heute 95- jährige kann es natürlich immer noch.

Seine Erinnerungen an seine Gefangenschaft hat er mir vorgelesen: Das Kriegsgefangenschaftstagebuch des Herbert Reimann

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