Das ist aber schön!

Ich wähle ihr Nummer. Ihre leicht heisere Stimme meldet sich. Es klingt in meinen Ohren, als hätte sie schon viele Tage nicht mehr gesprochen und alle Stimmbänder müssten erst „angeworfen werden“.

Weil ich weiß, dass sie selten ihre „Ohren“ – ihre Hörgeräte – benutzt, spreche ich laut und langsam.

„Das ist aber schön, dass sie anrufen!“, freut sie sie, wenn sie mich dann erkannt hat.

„Ich möchte sie besuchen kommen!“, sag ich dann.

Und sie freut sich erneut: „Das ist aber schön!“

Wir verabreden uns. Wenn ich vor ihrer Türe stehe beginnt ein kleiner Nervenkitzel: Wird sie aufmachen? Findet sie den Knopf der neuen Sprechanlage, der exakt zwei Zentimeter neben der bisherigen zu finden ist? Hat sie gar aus Versehen die Rufanlage komplett ausgeschaltet? Das ist ganz einfach, wenn man – wie früher – es gewohnt ist, lange auf den Türöffner Knopf zu drücken. Oder ist sie am Ende über einen ihrer unzähligen Teppichbrücken gestolpert und kommt nicht mehr hoch? Der Teppich aber muss bleiben, weil „der noch aus der DDR ist!“ Und somit meine Angst, dass sie irgendwann mit ihren 86 Jahren darüber fällt, stürzt und sich die Knochen bricht, ebenso.

Wenn ich es dann endlich ins Mehrparteienhaus geschafft habe, kommt sie mir meistens entgegen. Langsam und mit sorgfältigen Schritten. Tipptopp wie aus dem Ei gepellt, ob morgens um neun Uhr oder nachmittags um fünf. Die Garderobe ist fein aufeinander abgestimmt, der Rock liegt in hübsch plissierten Falten. Ein schmaler Gürtel ist um die noch schmalerer Taille gebunden und hält alles am richtigen Platz.

In der Hand hält sie ihren Wohnungsschlüssel im knautschigen Ledermäppchen, den sie vorsichtshalber mitgebracht hat.

So ziehen wir gemeinsam in ihre Wohnung ein. Sie möchte mir etwas anbieten: „Vielleicht ein Wasser?“ Sie geht bedächtig in die Küche und kommt mir einer Flasche Kirschlikör wieder. „Schauen sie mal. Ist das das Wasser? Ich hab die richtige Brille nicht auf!“

Ich lehne dankend ab und wir gehen über den Teppich des Grauens bis ins Wohnzimmer, wo ihr Sessel mittig steht, mit einem kleinen Hocker davor. Sie nimmt Platz und legt die Füße hoch. („Schon meine Mutter hatte geschwollenen Füße. Und ich glaube, meine Großmutter auch. Die leg ich dann immer mal ein bisschen hoch! Dann geht’s schon wieder!“).

Die Beine könnte man wickeln oder mit Gummistrümpfen weniger schmerzhaft anschwellen lassen. Aber dafür müsste vielleicht der Pflegedient kommen.

Wenn sie etwas nicht will, dann ist das der Pflegedienst!

Als sie ihren schwerkranken Mann bis vor ein paar Jahren zuhause pflegte, kam der. Und war – in ihren Augen und Ohren – einfach nicht nett. Übergriffig. Bestimmend. Bevormundend.

Vielleicht war es auch nur eine Person, die so war. Es ist egal. Ein Pflegedienst kommt ihr nicht ins Haus! Punktum!

Leichter wäre es. Vielleicht würde er kontrollieren, dass die Tabletten eingenommen sind. Oder die „dicken Beine“ an der sonst sehr dünnen Dame versorgen. Und darüberhinausgehende mal schauen, ob und dass alles passt.

So schau ich nach ihr und eine Bekannte. Wir freuen uns an ihrer scheinbar sehr robusten Gesundheit, denn ihre verordneten Tabletten nimmt sie eher sporadisch ein.

Es ist eine Herausforderung, Menschen ihr Leben so leben zu lassen, wie sie es möchten. Die Würde ist unantastbar. Oder wie eine Kollegin in früheren Zeiten sagte: „Jeder hat das Recht, zu verwahrlosen, sich schlecht zu ernähren oder wie auch immer fernab jeder Norm zu leben.“

Verwahrlost ist sie keinesfalls. Nur etwas, was meine Oma “ sehr tüddelig“ genannt hätte.

Sie kommt zurecht. Einkaufen klappt noch alleine, weil sie die Wege seit über 50 Jahren läuft und eingeübt hat. Der Hausarzt ist zwischendurch immer mal erstaunt, wenn sie unangemeldet vor der Tür steht, weil sie dachte, die hätte einen Termin. Der wöchentliche Kirchgang funktioniert, weil sie mitgenommen wird. Zur Tagespflege wird sie abgeholt. Ihr Leben ist für sie überschaubar.

Ihre Speisekammer ist gefüllt mir allerhand Konserven, Keksen und Dosenmilch. Das Klopapier wurde von mir aufgefüllt- alles bestens also. Kein Grund zur Sorge. „Alles da!“, zeigt sie mir mit einer gewissen Art Zufriedenheit in der Stimme. Oder ist es doch eher Unverständnis ob meiner Kleingläubigkeit?

Neuerdings geht sie einmal die Woche zur Tagespflege und singt dort viel, wie sie mir anschließend erzählt. „Wenn auch meine Stimme ganz schön dünn geworden ist.“ Sie freut sich über die Unterbrechung des Alltags und dass sie sich dort mit anderen unterhalten kann.

So wie mit mir und der Bekannten. Unsere Gespräche verlaufen nach einer feinen Orchestrierung. Es gibt eine Handvoll Gesprächsthemen, die sich immer wiederholen. Zwischen ihnen bewegen wir uns und kommen nur selten vom Wege ab.

Und auch wenn vieles schwer war in ihrer Kindheit mit dem Krieg, Verlust und Hunger; und auch wenn fast alle Familienmitglieder und Freunde nicht mehr leben („Sogar meine Brüder. Obwohl die so viel jünger waren als ich!“), ist sie heiter.

Auf eine bestimmte Art ist sie vielleicht sogar ein Stück weit beneidenswert sorglos.

Alles was schlimm war und/oder schmerzte, ist vorüber.

Alles, was jetzt noch kommt, wird mit Staunen zur Kenntnis genommen. Sie erwartet nichts mehr und bekommt doch viel:

Alles regelt sich irgendwie. Vom Unterhaltungsprogramm bis zu hochoffiziellen Briefen. Es wird für sie in einer Art und Weise gesorgt, wo es auf den 1. Blick gar keine Fürsorge durch eine öffentliche Hand oder einen Familienverbund gibt. Wo man „von außen“ urteilen könnte: „Aber das geht doch so gar nicht! So kann doch keiner leben! Die ist doch dement! „

Doch – noch geht das. Und es funktioniert noch gut.

Es ist auf eine gewissen Art und Weise sehr tröstlich, das zu beobachten. Sie lehrt mich, Urvertrauen haben zu können. Irgendwie und irgendwo kommt jemand und macht genau das, was ich in diesem Moment brauche.

Oder wie es Neale Donald Walsch ausdrückte:

Denn es gibt nichts, was ich haben muss.

Nichts, was ich tun muss.

Nichts, was ich sein muss.

Außer genau das, was ich in diesem Moment bin.“

Neale Donald Walsch

Wenn ich gehe, steht sie auf ihrem Balkon und wartet hoch über mir auf mich, bis ich aus dem Haus getreten bin.

Dann winkt sie mir zu. Ich winke zurück.

oznorTO_vivi

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