Happy Birthday oder die Frage nach dem Gelungenen.

Wir suchen sehr sorgfältig eine Blumenvase für meinen kleinen Blumenstrauß aus. In der Küche findet sich schließlich eine. Sie ist genau richtig ist für das kleine Biedermeier-Gebinde in den Farben Rosa, Pink und Lila.

„Was denn, was denn, was denn!“, freut sie sich und wie bei einer Prozession tragen wir die Blümchen über die Teppichstolperkante in die gute Stube.

Eine Couch mit zwei gemütlichen Sesseln, ein Meter Bücherschrank mit den Auswahlbüchern von Readers Digest, Konsalik und Simmel, die sich den Platz mit den „Sagen des klassischen Altertums“ sowie der Luther-Bibel teilen. Drei Meter Wohnzimmerschrankwand mit Sammeltassen und Zinnbechern. Brücken aus Perserteppichen, mit vom Alter hochgerollten Ecken, über die sie gekonnt „hinweggeht“ und die mich jedes Mal straucheln lassen wie im „Dinner for One“. Ein Esstisch mit reichlich vier Stühlen.

Auf dem Tisch liegen zwei Glückwunschkarten. Eine von mir, die andere von einer Bekannten aus der Kirchengemeinde. „Ich dachte ja, ich habe erst morgen Geburtstag!“, sagt sie und fährt sanft mit dem Fingen die aufgeprägten Blumen auf der Karte nach. „Das hier ist Schierling“, sagt sie und stoppt mit dem Finger. „Den haben wir Kinder immer gesammelt.“ Wir bewundern die Karte, denn sonst gibt es gerade nichts zu tun.

Ich frage sie nach „früher. Die Augen werden innerlich mit einem kleinen Feuerchen angeknipst, so scheint es. Sie beginnt erzählen: Wie ihre Großmutter immer einen „Gesundheitskuchen“ buk. Wie sie ihn anschneiden und noch vor der Schule ein Stück davon essen durfte. Wie der Rest für die Großmutter und ihre nachmittäglichen Gäste bleiben sollte, denn sie teilten sich den Geburtstag. „Wir hatten ja nichts“, sagt sie und Menschen dieser Generation meinen dann immer die Zeit um den 2. Weltkrieg, als würde es die kommenden Jahre keine Geburtstagsfeiern mehr gegeben haben.

Wir rechnen aus, dass „Oma Anna“ 142 Jahre alt sein würde. Sie holt das Fotoalbum. Da ist ihre Großmutter in Kittelschürze über einem runden Bauch zu sehen. Sie zeigt mir ihre Patentante, die ihr ein Kleid aus Taft zur Konfirmation schenkte. Sie hasste das Kleid und lernte beizeiten „lügen“.

„Was mochten sie nicht?“

„Alles!“

Der glatte Stoff, der Schnitt! Die Farbe. Heimlich weinte sie vor Zorn und Enttäuschung. „Du musst dankbar sein!“, ermahnte sie die Mutter und so war sie dankbar und freute sich offiziell sehr über das „hübsche, raschelnde, dunkelblaue Konfirmationskleid“.

Die alten Fotos haben die Patina mit dem leichten Gelbstich der Vergangenheit. Der Ort ihrer Kindheit liegt zwischen saftigen Wiesen und sanften Hügeln. In der Mitte steht der Kirchturm – ganz so, wie es sich gehört. Zwei Seiten weiter ihr Hochzeitsbild. Darunter die Verwandtschaft vor dem Elternhaus. „Besuch in Heidelberg 1957“ steht unter einem anderen Foto mit „Schönschreib-Schrift“ gestochen scharf notiert. Ein ganzes Leben mit Geschichten und Erinnerungen zwischen braun-karierten Buchdeckeln.

In unseren Gesprächspausen ist es so still, dass man fast den Staub rieseln hört. Die Fenster sind geschlossen, die Jalousie halb heruntergelassen. Vor der Balkontüre flattert frisch gewaschene Unterwäsche. Sie wird sie selbst mit der Hand gewaschen haben, denn die Waschmaschine „scheint irgendwie kaputt zu sein“. Ich vermute eher, dass sie die Maschine nicht mehr bedienen kann.

Die Wohnsituation mancher Senioren*innen als Symbolbild.

Wenn ich sonst auf Besuch komme, ist der Tisch mit Großmutter Annas Geschirr gedeckt. Es hat auf wundersame Art und Weise den Krieg überlebt – selbst den „großen Brand der Scheune. Damals hat alles doch lichterloh gebrannt!“ Das Geschirr hat die Zeit überdauert und überlebt. Im Gegensatz zum Cousin, der „im Krieg blieb“ und vielen anderen aus ihrem Heimatort.

Das gute Geschirr mit Tropfenschutz.

Ich habe sie an diesem Tag überrascht und deswegen bleibt die „Küche kalt“. Sie ist vor lauter Freude ein wenig überfordert. Zum Glück kommt sie nicht auf die Idee, die riesige Kaffeekanne für den damalig gepflegten 10-Personenhaushalt mit frisch gekochtem Wasser aus einem sehr kleinen Wasserkocher beständig zu füllen. Unter drei bis vier Tassen „guten Bohnenkaffees“ darf ich nicht gehen.

Ihre Küche besticht durch schlichten Charme und ist mit dem Schick der 50/60 Jahre eingerichtet. Die Möbel scheinen einst für die Ewigkeit geschreinert zu sein und sind immer noch „gliedgut“. Dunkelbraune Fließen am Boden, ein Tisch mit Stuhl und Hocker, zwei Sideboards, ein alter E-Herd und ein Beistellherd mit Gas. Ein Spülbecken mit einer Steckdose, darüber ein Spruchteller.

Leben, Lieben, Lachen. Menschen von heute kennen das als geschmeidiges Wandtattoo.


Es gibt keine weiteren Gratulanten an dem Tag. Die meisten in ihrem 88-jährigen Leben sind „schon in der Ewigkeit“ und werden mit einem tiefen Seufzen vermisst. Keiner lebt mehr von denen, die wichtig waren. Neue sind über die Jahre nicht dazugekommen.

„Ja. Das ist schade!“, seufzt sie dann immer. Bis sie den Blick hebt und mir ein kleines Lächeln schenkt.

So bleibt es an diesem Tag bei meinem willkommenen Überraschungsbesuch und zwei Glückwunschkarten. Wäre ich nicht gekommen: Der Tag wäre vorbeigegangen, wie eben jeder Tag vergeht.


Abends besuchte ich meinen Vater, der an diesem Tag ebenfalls Geburtstag hat. Auch hier sind die Freunde und Familienmitglieder über die Jahre ausgedünnt.

Und doch wird es ein bisschen eng, als der Kirchenchor anrückt und anschließend der große Posaunenchor sich seinen Platz sucht. Das halbe Dorf –  so scheint es – ist gekommen, um Glückwünsche, Geschenke und Wertschätzung zu überbringen. Es wird musiziert und es werden Reden gehalten. Mein Vater steht inmitten dieser Wolke des Miteinanders und Wohlwollens.


Für mich ist es an diesem Tag ein absolutes Kontrastprogramm, das ich da erlebte. Zwei Stunden zuvor Einsamkeit und fast schon ein vorzeitiges „Abhanden gekommen sein“ von der Welt* – und nun mittendrin im quirligen Leben.

Ob der Tag für die Geburtstagskinder so“stimmig“ war? Welche Feier, welcher Tag mag der „bessere“ gewesen sein? Welches Leben gelungener oder gar glücklicher? Das wird wohl jeder für sich selbst beantworten dürfen.

Das Leben soll – so heißt es – auch immer ein Spiegel dessen sein, wie man lebt und gelebt hat.

Was werden wir selbst einmal an solchen Tagen in der Zukunft sehen? Was möchten wir sehen?



*Ich bin der Welt abhanden gekommen

Ich bin der Welt abhanden gekommen
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben
Sie hat so lange nichts von mir vernommen
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen
Ob sie mich für gestorben hält
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt!

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel
Und ruh‘ in einem stillen Gebiet!
Ich leb‘ allein in meinem Himmel
In meinem Lieben, in meinem Lied!

Friedrich Rückert

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