Am Tag, als der russische Präsident Wladimir Putin die Militäroperation in der Ukraine befahl, stieg ich steile fünf Stockwerke bis unters Dach zum Besuch.
„Frau Wollschläger, ich hätt amal wieder Sehnsucht nach Ihnen!“, hatte sie am Telefon gesagt und mein Herz ging auf. „Außerdem wolle sie mir unbedingt eine Spende aushändigen, weil kommen könne sie ja nicht mehr. „Und überhaupt – dings! Sie wissen scho!“
Als wir am Tag vorher noch einmal telefonierten – gesundheitliche Zustände bei über 90-Jährigen können sich jederzeit ändern – warnte der UN-Chef Antonio Guterres vor einer weltweiten Not wegen der Ukraine-Krise.
„Des ist aber schö, dass sie sich melden!“
„Wir sehen uns ja morgen. Ich wollte nur mal nachfragen: Ist alles in Ordnung bei ihnen?“
„Aber ja! Ach, des ist aber schö! Soll ich uns an Kaffee machen? Nachher trink ma a Tässla zusammen!“
„Ach nein. Das ist nicht nötig.“
„Also dann. Ich freu mich – dings!“
„Dings“ ist ein häufiges Wort bei ihr. Wann immer ihr was entfällt, weil „des Hirn manchmal wie a Gartenschlauch ist – außen rund und innen hohl“, fügt sie „Dings“ ein.
Als um 14.29 Uhr Schalke den Gazprom-Schriftzug vom Trikot nimmt, breche ich auf. Als die Kirchen in Deutschland um 14.46 Uhr den Stopp der Invasion fordern, schnaufe ich die letzten Stufen zur Wohnung unterm Dach. Durch einen Türspalt werde ich beobachtet und erkannt. Jeder nicht durchtrainierte Verbrecher müsste – wie ich – erst mal verschnaufen. Aber ich werde erkannt und sicher ist sicher und so öffnet sich erst bei zweifelsfreiem Erkennen die Tür zur gemütlichen 3-Zimmerwohnung.
Sie wackelt wie ein Hochseilartist freihändig über den Teppichläufer, hebt vorsichtig die Beine, als sie über die Türschwelle in die Küche tritt und sinkt langsam auf dem Küchenstuhl nieder. Geschmeidig ist keine ihrer Bewegungen. Seit einem Sturz mit Oberarmbruch und Rippenprellungen passt sie sehr auf. Ihre größte Angst ist, dass sie in der Wohnung über den Dächern der Stadt nicht mehr alleine zurechtkommt.
„Und dann sag ich immer zum HERRN: Du hast da auch a weng was zu tun. Ich bemüh mich und dings – und den Rest musst du auch scho dazu tun!“
Der HERR ist immer da für sie. Mit ihm steht sie auf, mit ihm beendet sie den Tag. Unter seinem Schutz schläft sie.

In ihrem Schlafzimmer hängt das Bild des „Guten Hirten“.
„Jeder ist doch ein Schäflein. Ich möchte mich so gerne in Jesus Arme schmiegen!“
Das Bild war 1956 ein Geschenk zur Hochzeit. „Das hatte ich mir so gewünscht – und ich habe es bekomme!“, grinste sie schelmisch und fast triumphierend. Das Bild war teuer und jede Mark musste damals umgedreht werden.
Sie steht versonnen vor dem Bild, welches über dem Bett – Marke Gelsenkirchener Barock – hängt. Kissen und Plumeau sind sorgfältig unter einer Tagesdecke versteckt. Keine Falte weit und breit. Kein Staubkörnchen – nirgends. Die Bettseite des verstorbenen Gatten wirkt leer. „Ansonsten hab ich alles seit seinem Tod vor 15 Jahren so gelassen. Es ist ein bisschen so, als wäre er noch bei mir. Auch wenn alle mich dafür bekloppt halten: das bleibt so! Und seien wir doch mal ehrlich – er ist ja auch irgendwie noch da. Ich spüre das doch!“
Als russische Bodentruppen an diesem Tag in die Ukraine vordrangen, bat sie den HERRN, er möge sie noch ein Stündchen schlafen lassen. Und der HERR ließ sie schlafen.
Ihr Glaube ist fester Bestandteil ihres Lebens. Tröstend und schützend wird sie durch das Leben begleitet und getragen. Alleine ist sie nie. Angst hat sie keine. Wovor sollte sie sich auch fürchten – in ihrem Alter, wo sie doch weiß, dass einer auf sie aufpasst. Nur für Einbrecher – da ist der HERR nicht zuständig, weil dings. Zweifel kennt sie nicht. Dazu hat sie schon zu viel erlebt. Sie glaubt sozusagen nicht: Sie weiß.
„Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln, Frau Wollschläger.“
Und jedes Mal aufs Neue bin ich davon tief berührt. Weil in dieser Art Frömmigkeit so viel Kraft ist und lebensbejahendes und spielerisches gleichermaßen. Es ist normal, den HERRN zu fragen, wie lange die Kartoffeln schon kochen. Und fast könnte man glauben, dass aus den vor vielen Jahren aufgeklebten Pril-Blumen an der sauber geputzten Küchenfliese der HERR wie bei „Don Camillo und Pepone“ antwortet und sagt: „Mein liebes Kind, noch zehn Minuten!“
Ich wackel mich so durch den Tag“, erzählt sie. Die Hände vor sich auf dem Tisch, mit der hübschen, selbst gestickten Kreuzstichdecke, gefaltet. Sie Spüle blitzt und niemals wird meine eigene Spüle sie glänzend sein. „Ma muss halt immer alles arch dings und abreiben und dann wird des so!“ Wahrscheinlich wäre das „dings“ in diesem Satz das Puzzleteil für meine eigene, heimische Spüle und ich werde es nicht mehr erfahren, denn wir sind schon bei der weiteren Hausarbeit des Tages: Staubwischen und dekorieren, Staubsaugen und die Kissen aufschütteln.
Eine ihrer größten Ängste ist, dass sie ihren Haushalt nicht mehr schafft und es „rauskommt“. Der HERR mag die Kraft geben, den Feudel jedoch hat sie in der Hand. Schafft sie es nicht mehr und es würde jemand merken, müsste sie vielleicht ihr bisher bekanntes Leben ändern. In ein Heim ziehen. Völlig undenkbar. „Kommt gar nicht infrage!“ Und dann strengt sie sich eben ein bisschen mehr an. Arbeiten ist sie gewöhnt. Das macht sie schließlich schon ihr ganzes Leben.
„Ich hab schon so viel geschafft!“ Sie meint damit die viele, viele Arbeit. Als älteste Tochter war sie zuständig für die Versorgung der sechs kleineren Geschwister, die sie vor der Schule weckte, beim Anziehen halt, Frühstück machte und für Sauberkeit und Sicherheit sorgte. Ob vor oder nach der Stallarbeit? Daran kann sie sich nicht erinnern. Aber vor der Schule wurden Schweine ausgemistet, gefüttert und ebenso die Kühe, die noch gemolken werden mussten. Vater und Mutter waren auf der Arbeit und „einer musste halt ran“. Viel Arbeit. Immer viel Arbeit. „Und dann bin ich in die Schule. Und da bin ich immer eingeschlafen, deswegen konnte ich lang nicht richtig lesen und schreiben.“ Ein Schicksal – in wenige Worte gekleidet. „`S war halt so!“ Was soll man da auch herumjammern.
Mit ihrem Mann lernte sie „richtig“ lesen. Der wollte in der Bibelstunde, dass sie auch einmal einen Text vorlas. Und mit liebevollem Zwang scheint es ihm gelungen zu sein. „Wenn nur die Augen nicht so schlecht wären. Dann könnt` ich den ganzen Tag lesen. Ich mag diese ganzen kleinen, frommen Bücher so gerne.“ Und sofort möchte man ihr 27 Büchlein mit kleinen frommen Text-Portionen schenken, weil sie eine so wirkliche Freude daran hat. Wenn die Hausarbeit zu anstrengend wird – „schließlich bin ich nicht mehr die Jüngste“ – schaut sie ein wenig „Bibel TV“, weil „da ist immer so schö dings und ich mag die Lieder!“
Als in der ukrainischen Hauptstadt Kiew wegen des russischen Angriffs Luftalarm ausgelöst wurde, zeigt sie mir, wie sie sich artistisch durch ihre Wohnung bewegt. „Schaun sie: ich mach halt immer so. Und dann hangelt sie los. Immer eine Hand, die sich irgendwo festhalten kann. Eine perfekt einstudierte Choreografie. Aufstehen. Hand auf dem Küchentisch. Schritt. Umgreifen. Weitere Schritt. Hand an die Türklinke. Noch ein Schritt mehr, andere Hand am Schränkchen neben der Tür. Dann kommt der schwierige Part: Freihändig durch den großen Flur, ohne die Möglichkeit, sich festzuhalten. Mindestens sechs Schritte, bis die nächste Chance kommt, sich abzustützen oder festzuhalten. „Der Schwindel. Frau Wollschläger. Der Schwindel!“ Einen Rollator oder Gehstock ist sie nicht gewohnt. Ihre innere Stabilität wäre vielleicht auch dadurch gestört. Dings halt. So hangelt sie sich durch die Wohnung.

All das erinnert mich dabei an ein Spiel meiner Kindheit, wenn wir „Äffle“ spielten. Alles durfte berührt werden, nur nicht der Boden mit den Füßen. Auch hier war eine ausgeklügelte Reihenfolge wichtig, die in Fleisch und Blut überging und „sitzen“ musste: Vom Sessel, mit einem Fuß auf die Heizung, den anderen auf dem Wohnzimmertisch, festhalten am Fenstergriff und mit beiden Beinen auf der Fensterbank, weiter auf die Couch und von dort immer weiter. So kletterten wir durch alle Räume. Es war sehr aufregend.
Hier ist es ähnlich. Es sieht als Besucher sehr wackelig und gefährlich aus. Es sieht aus nach: woopwoop – gleich muss der Krankenwagen her. Nach: Ach du liebe Zeit, wie kommt sie wieder zurück. Nach: Soll ich ihnen meinen Arm reichen?
„Dings!“, sagt sie fast ein bisschen empört. „Ich schaff des scho!“
Und klar schafft sie es. Noch. Und hoffentlich noch ganz lange. Ein Pflegedienst kommt auch nicht. Denn auch er wäre ein Hinweis auf Gebrechlichkeit und somit ein Hinweis auf das Ende ihrer Selbstständigkeit. Und so zeigt sie mir anschließend „trocken“, wie sie sich die Haare kämmt und wie den Rücken. „Des dauert halt a weng. Aber ich hab ja Zeit.“
Über 90 Jahre. Zäh wie sonst was. Ein unbeugsamer Wille. Ein tiefer Glaube. Und wenn das Hirn mitmacht, hat sie immer jemanden, mit dem sie plaudern kann und der sich über einen Anruf von ihr freut. Sie hat vorgesorgt, ihr ganzes Leben lang Freundschaften gepflegt und Beziehungen gehütet, Kuchen gebacken und war „immer für andere da“. Und während es bei manchen wie ein Vorwurf klingt, weil eine falsche Lebensrechnung schlecht aufgeht nach dem Motto „wie du mir, so ich dir“, hat sie ein Fundament geschaffen. Wenn das Hirn allerdings immer mal wieder Aussetzer hat, dann klappt gar nichts. Noch nicht mal das telefonieren. Wie sie dann ihren Tag verlebt? Wie mühselig es dann wird?
Als wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine das Bundesverteidigungsministerium die sogenannte „nationale Alarmmaßnahmen“ für die Bundeswehr auslöst, verabschiede ich mich langsam. „Ich hab ein schönes und hartes Leben gehabt“, sagt sie. „Und immer bin ich geführt worden. Und mein Mann hat eine Segensspur für mich dagelassen.“ „Segensspur?“, frage ich?
Ihre Augen leuchten in der Erinnerung. All die Anrufe. All die „gute, alte Zeit“. Die vielen Unternehmungen mit ihrem Mann. „Ich spüre heute den Segen, der über all dem liegt. Sie glauben gar nicht, wie viel Anrufe ich in dieser Coronazeit bekommen habe. Wer mir alles schreibt in dieser Zeit! Wie viele Menschen von nah und fern an mich denken und mir Gutes tun.“
Sie holte einen riesigen Pack Briefkuverts hervor: „Das ist die Segensspur! Das ist der Segen, den mein Mann hinterlassen hat.“
Ein Krieg ist fern für sie. Vielleicht kommt ein aktueller, wie ich ihn im Liveticker an diesem Tag verfolge, in ihrem Leben gar nicht mehr vor, vor lauter alltäglicher Lebensbewältigung und Aufräumen und Bibel TV und mit dem HERRN plaudern.
Als sie 10 Jahre alt war, begann der 2. Weltkrieg. Sie ist die Generation der“ „verlorenen Kindheit und Jugend“. Einen Krieg hat sie durch. Das alles hat sie schon lange hinter sich. Heute noch wird ihr ganz „zweierlei“ sie bei bestimmten Geräuschen und ihr Herz fängt an zu klopfen.
Was bleibt, ist eine Segensspur.

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