„Ich bin gestern Nacht abgehauen!“, erzählt sie. Ein verschmitztes Grinsen breitet sich über ihrem Gesicht aus.
„Wie – abgehauen?“
„Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Keiner hat hier mit mir geredet. Da habe ich meinen Koffer gepackt und bin gegangen.“
Wir sitzen bei Stulle und Tee im Zimmer Nummer 18.
„Was möchtest du auf die Stulle?“
„Butter und Schinken.“
Ich erfinde ein reichhaltiges Butterbrot: Ein Päckchen Butter und drei Scheiben Schinken auf einem Brot. Gürkchen drauf. Ganz so wie sie es mag.
Seit geraumer Zeit liegt sie im Krankenhaus und ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Das Essen ist immer eiskalt, keiner hat Zeit. Niemand nimmt sie als Menschen wahr. Und tatsächlich wäre es genau das, was sie braucht. Neben der Behandlung der Gebrechen wäre die Seelenpflege so wichtig für sie.
Doch diese Art der Seelenpflege kennt sie nur aus den Therapiesitzungen.
„Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen.“, schreibt Johanna Haarer in „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, einem Elternratgeber von 1934. Ihre Mutter hat sich darangehalten.
Nur ja nicht verwöhnen!
Aber sie will verwöhnt werden.
Wie ausgehungert ist diese Generation, der Liebe und Zärtlichkeit oft verwehrt wurde.
Ein hübsch geschmiertes Butterbrot ist ein Anfang, das Kinderunrecht ein kleines bisschen auszugleichen – wenn es denn je gelingen kann.“
Sie beiß vom Brot ab und möppert, weil ihr die Zähne vom kalten Schinken schmerzen.
Da sitzt sie. Eine große schlanke Frau mit kurzen grauen Haaren und mit einem leichten Buckel, die sich in schafwollene, bunte Tücher hüllt und eine gefilzte Kugel Kette um den Hals trägt. Eine mit scheinbar merkwürdigen Marotten. Schüßlersalz und Globuli stehen auf dem Nachtschränkchen, die Zahnpasta ist aus wichtigen Gründen ohne Fluorid. Sie ist Eine, die hartnäckig nachfragt. Eine renitente Alte sozusagen. Eine, die „Zeit kostet“.
Und dann kommt dieser neue Satz:
„Ich bin gestern Nacht abgehauen
Morgens um 3 Uhr hatte sie „die Schnauze gestrichen voll“.
Sie wurde aufgeweckt durch das Taschenlampenlicht der Pflegerin beim Rundgang. Und fand nicht mehr in den Schlaf.
Alles war so still.
Draußen vor dem Fenster glitzerten die Lichter des Stadtrings und der nächtlich erleuchteten Stadt. Dort in der Ferne lag das Glück. Das spürte sie.
Und stand nicht schon auch in der Bibel: „Nimm dein Bett und geh“?
Das Bett würde sie hierlassen, den Rest mitnehmen.
Sie stand auf, holte ihren Koffer und begann zu packen. Eile tat nicht not,. als sie Socken und Hosen, Schlüpfer und ihre Zahnbürste einpackte.
Sie nahm ihre Handtasche, zog den Griff des kleinen silbernen Rollkoffers hoch und öffnete die Zimmertür zum hell erleuchteten Klinikflur. Für einen kurzen Augenblick kniff sie geblendet die Augen zusammen.
Ihr altes Rollköfferchen machte einen mords Radau. Doch keiner schaute um die Ecke. Alle schienen beschäftigt zu sein. Niemand trat ihr in den Weg und versuchte, sie aufzuhalten.
Auch die Pforte war gerade unbesetzt, als die vorüber rumpelte.
Sie trat in die Nacht hinaus und lief los. Marschierte die Einfahrt hinunter. Ging unter dem Licht der Straßenlaternen den Weg zur Straßenbahn.
Sie kaufte sich eine Fahrkarte am Automaten und setzte sich. Sie hatte alle Zeit der Welt.
Irgendwann kam die Bahn. Sie nahm im hinteren Teil Platz und fuhr bis zum Bahnhof. Hier, so war ihr eingefallen, würde sie in der Bahnhofsmission Zuflucht finden können. Sicherlich würden man ihr dort auch ein Taxi nach Hause bestellen.
Zuhause – da, wo sich ihr Kater bestimmt schon nach ihr sehnte und bestimmt schnurrend erwarten würde. Wo alles nach ihr roch und nicht nach Desinfektionsmittel. Wo fünf weiche Kissen sie sanft in den Schlaf flauschen würden. Am Morgen eine schöne Tasse Lupinenkaffee mit Mandelmilch.
Was mögen die Mitarbeiter der Bahnhofsmission wohl gedacht haben, als sie im Morgengrauen die Tür aufmachten und eine große, alte Frau mit verstrubbelten grauen Haaren vor ihnen stand? Aufrecht und ein Koffer an der Hand?
Sie durfte hereinkommen, sich setzten und bekam einen heißen Tee.
Und endlich sprach jemand mit ihr.
Sie durfte erzählen und anklagen, bejammern und lamentieren. Dazu Tee mit viel Zucker – ganz so, wie sie es mochte.
Sitzen. Sich Zeit lassen. Diese Situation aussitzt. Jemand, der bei ihr saß. Der mit ihr saß und nicht ständig wegrannte.
Nachdem sie sich ausgeredet hatte, fühlte sie sich leer. So leer, dass der Vorschlag, doch zurück in die Klinik zu gehen, ein inneres Echo fand. Stimmt. Es gab ja einen Grund, warum sie dort war. Sie war ja krank.
Man ließ ihre Zeit. Keiner drängte sie.
Das war das eigentliche Geschenk und das Wunder in dieser Nacht. Menschen die mit ihr saßen, so lange es Not tat. Die zuhörten, die nicht urteilten und die keine fertigen Lösungen hatten. Die sie nachdenken ließen und Tee trinken und sie nur ein bisschen in die richtige Richtung mit leisen Worten stupsten, so als wären sie eigentlich schon immer in ihrem Kopf gewesen.
In der Morgendämmerung kam sie in die Klinik zurück. Sie bekam noch eine Tasse heißen Tee. Dann wurde das Zimmerlicht gelöscht.

In der Ferne glitzerten die Lichter des Stadtrings und der langsam erwachenden Stadt. Seit langer Zeit schlief sie endlich friedlich ein.

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