Kann ein Leben, das bis zu einem gewissen Alter lebenswert und glücklich war, auf den letzten Lebensmeter noch versemmelt werden?
Spoiler: Ja!
Das Glück bleibt nicht einfach auf der heimischen Eckbank sitzen, wie der leicht angestaubte Aktenordner, der seinen Platz dort zu haben scheint. Glück und Zufriedenheit suchen sich immer neue Ziele. Vielleicht muss man es auch beständig im Auge behalten, damit es nicht in einem unbeabsichtigten Moment der Nachlässigkeit durch die Zimmertüre mit der gesprungenen Milchglasscheibe verschwindet. Vielleicht muss man Glück auch üben.
All das Glück, alle Zufriedenheit verließ ihn mit dem Tag, als seine Frau nach langen Jahren der Pflege verstarb. Er ist grottig einsam. Seine Frau und er (trotz ihres Stalls! ) kamen gut miteinander klar und brauchten niemanden. Bis sie vor einigen Jahren nach langer Pflege durch ihn, verstarb. Da war zu spät für Freunde und Freundschaften
„Zehn Jahre habe ich sie gepflegt. Das war nicht einfach, das kann ich Ihnen sagen! Aber egal wie schwer es war: da war sie wenigsten noch da!“
Mit dem Sarg, der aus der Wohnung getragen wurde, wurde alle Freude, alle Zufriedenheit, alle Lebenslust mitgenommen. Glück muss man üben. Er hat es nicht gelernt.
Ring Ring Ring.
„Hallo. Ich würde sie besuchen kommen wollen – wenn es Ihnen recht ist!“
„Ja. Ist recht!“
„Wann würde es Ihnen passen?“
„Morgen um 10!“
„Gut!“
Klonk.
Der Hörer ist aufgelegt, bevor ich noch „Auf Wiedersehen“ sagen kann.
Beim Besuch wird mir ein Platz auf der Eckbank zugewiesen. Auf dem mit einer zerschlissenen Wachstuchdecke bedeckten Tisch steht noch das Adventsgesteck. Der Tannenzweig wurde mittlerweile entsorgt, die Nadeln stecken jedoch noch in der Kerze. Unter dem Tisch wird freudig ein „hochmodernes Gerät“ herausgezogen, das die Durchblutung der Beine fördern soll. „Nachweislich!“, betont er und schaut mich bedeutungsvoll an. „Das stand in der Anzeige dabei!“. Er wurde von einer Anzeige „influenct“: „Aber nur, weil es der Gesundheit dient!“
Auf der Anrichte steht seine Höhensonne, ein Gerät zur Erzeugung von Ultraviolettstrahlung für Therapiezwecke. Warum er das brauchen könnte, erklärt er nicht. Vielleicht fürchtet er, da er nicht mehr vor die Tür kommt, einen Vitamin D-Mangel. Ich kenne dieses Gerät, weil ich es in einem Gesundheitsbuch, das ich als Kind wegen der vielen unglaublichen Bilder oft angeschaut hatte, genau ein solches Gerät abgebildet war: „Das rachitische Kind“ stand unter dem Bild. Und im Bild saß ein Kind mit einer schwarzen Schutzbrille bekleidet vor ebenso einem Ding.

„Funktioniert immer noch tadellos!“, sagt er.
Die Besuche bei ihm sind gleichermaßen anstrengend wie lehrreich und manchmal auch überraschend lustig.
All seinen Lebensüberdruss sowie seinen Prass auf die Gesellschaft, insbesondere Frauen – aus Gründen – erzählt er mir. Die Besuche sind so eindrücklich, dass ich immerhin nach jedem dieser Treffen weiß, wie ich nie leben möchte. Alles Unglück, alles dunkelgraue strömt einem beim Betreten der kleinen Zwei-Zimmerwohnung entgegen.
In all dieser Traurigkeit erzählt er einen Witz. Es passt zu ihm: „Ein Mann ein Wort. Eine Frau ein Wörterbuch! Höhöhö!“
Dass er so voll und lautstark lachen kann, ist eine Überraschung.
Sein Leben währt bereits 83 Jahre. Was ich hier auf der Eckbank erlebe, ist die konzentriert eingedampfte Lebensgeschichte eines Mannes, der sich „durchgekämpft“ hat, der „seinen Mann stand“ und beständig, stets und immer „für andere da war und jedem geholfen hat“. Vielleicht hat er sich selber darüber vergessen. Vielleicht hat er auch das Glück immer an andere „delegiert“.
Jetzt ist er alt, einsam und krank. Warum er noch lebt, ist ihm selbst ein Rätsel. Jeden Tag „bittet ich den Herrgott, er möge mich holen. Und jeden Morgen wache ich wieder auf!“
Ein echtes Ärgernis!
Dass er, während er mir das erzählt, eine vom Pflegedienst vorbereitete Menge an Tabletten mit je einem großen Schluck Wasser so nach und nach mit einem Hinterwerfen des Kopfes schluckt, scheint kein Widerspruch zu sein.
Der Herrgott wird sich bei dieser Menge Medizin noch etwas Zeit lassen müssen.
Er „glaubt“ nicht an die Kirche , weil dort alle – „Nana!“ „Na gut – viele aber!“ – Heuchler sind und die Botschaft nicht ernst nehmen.
„Damals der Bischof in der DDR: als der starb, fand man im Keller bis unter die Decke gestapelt, verschimmelte Care Pakete.“
Er schaut mich beifallheischender und herausfordernd an, ob der Niedrigkeit von Gottes Bodenpersonals.
„Alle verkommen!“
Er ist ein Kenner der Szene und schaut alle einschlägigen Sendungen. Jawoll! Ähnlich ist es auch mit den Frauen. Seine verstorbene Frau war die Ausnahme. Obwohl sie eine uneheliche Tochter hatte, die Trinkerin wurde. „Der Stall, Frau Wollschläger, der Stall ist das entscheidende!“
Frauen – er macht eine wegwerfende Handbewegung. Nur ausgenommen hätten sie ihn! Wie eine Weihnachtsgans. Ihn, der immer nur für andere da war. Sein Leben lang.
Dass er in den letzten Jahren den Frauen größere Geldgeschenke machte, in der Hoffnung, seine stille Einsamkeit zu durchbrechen um sich im Gegenzug um ihn zu kümmern, wird je nach Tagesverfassung unter den Tisch fallen gelassen. Und leider ging sein ausgeklügelter Plan nicht auf.
Frauen!
Merkel wäre auch so eine und man würde ja sehen, in welchen Abgrund sie uns alle brächte. Sie müsste weg. Ohne Tamtam.
Wenn die alten Leute weniger Wert wären als die ganzen Flüchtlinge…! Er würde Bescheid wissen. Das Volk darbt und alte Menschen können den Kitt aus den Fensterritzen nagen. „Das ist doch nicht in Ordnung, Frau Wollschläger!“
Ja früher! Da hatte es noch Anstand gegeben. Da hätte man für einander gesorgt.
„Es war nicht alles schlecht damals“ , sagt er.
Es gruselt mich. Ich atme. Ich widerspreche.
Damals habe man sich umeinander gekümmert. Er als aufrechter Deutscher würde die Wahrheit kennen! „Kurz und gut!“
„Kurz und gut“ wird nach ungefähr jedem 3. Satz eingeschoben. Ich mache heimlich Notizen an mich selbst. Quasi ein „Kurz und gut Bullshit Bingo“.
Gegen „DIE WAHRHEIT“ kommt keiner an. Ich als Frau UND von der Kirche erst recht nicht. Doppelte „Arschkarte“.
Es ist reine Gnade, dass ich am Tisch mit ihm sitzen darf – so scheint es – bei all Wahrheit, die ich nicht so recht kennen und einsehen möchte. Er klärt mich da sehr gerne auf. Oder es ist die unglaubliche Einsamkeit und Trauer, all der Zorn auf sämtliche Ungerechtigkeiten seit Anbeginn der Zeit.
Er sitzt in Pantoffeln am Küchentisch. Die Augen triefen durch eine kürzlich durchgemacht Herpes Zoster Entzündung. Das Bein ist offen, schmerzt und heilt schlecht. Jede Nacht glaubt er, wegen Herzschmerzen und seiner damit einhergehenden Atemnot, zu sterben.
Seit wir uns kennen, ist er zum 5. Pfledienst gewechselt. Immer gabs Theater. Immer waren es die anderen. Unverschämte Pflegepersonen, die nicht so wollte wie er. Die ihn nur ausnehmen wollten und keine Zeit hatten, dabei hat er ihnen mal auch „was Schönes zugesteckt“. Falsche Versprechungen, nicht erfüllte Hoffnungen.
Ich besuche ihn, weil es zu meinem Dienstauftrag gehört. Jedes Mal höre ich mir die immergleiche Leier an. Seine gesammelte Resignation und Wut über sein Leben, das jetzt so anderes ist, als je gedacht. Ich besuche ihn, weil er ein schrecklich einsamer, alter, kranker Sack ist. Und weil niemand mit dem Wissen ins Bett gehen sollte: Es interessiert sich keiner für mich.
Und vielleicht treibt mich auch die vielleicht völlig bescheuerten Hoffung, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Vertrauen oder eine Art Beziehung herzustellen, die ihm mittlerweile nahezu unbekannt ist. Ihm klar zu machen, dass „früher nicht alles besser war.“
Eines Tages wurde mir immerwährende Hamsterad der Tiraden zu lahm.
Ich bot an ihm – in meiner ureigensten Kernkompetenz als Krankenschwestern – den Rücken mit Anti-Schmerz-Salbe einzureiben. Darüber hatte er lange geklagt.
Freudig „schürte“ er den Elektroheizstrahler im Badezimmer an. Ich zog mir Handschuhe an und war froh, dass er welche hatte. Ein Hauch von Distanz, der gut ist.
Wie lange mag es wohl her sein, dass ihn einer berührte? Klar kommt der Pflege Dienst: „Husch husch kommt der! Da hat ja niemand Zeit.“
Er saß auf dem heruntergeklappten Klodeckel. Ich auf dem Wannenrand. Er sprach über seine Einsamkeit und sein dringendes Bedürfnis, seine letzten Sachen geregelt zu wissen.
Anderer Ton. Andere Stimmung. Neue Beziehung. Nix mit „kurz und gut“.
Anschließend bedanke er sich für seine Verhältnisse überschwänglich. Eine Freundlichkeit, die nicht erkauft werden musste schien im mittlerweile fremd und ungewohnt zu sein.
Für einen Moment war der Tag gut.
Der Tag des alten Sack und auch meiner.
„Wenn ich mal sterbe, dann wird an meinem Grab ein Trompter ein Lied spielen! Raten Sie mal, was für eines?“ Er grinste mich herausfordern an.
„Keine Ahnung.“
Ich hatte wirklich keine Ahnung. Was würde sich ein Mann seines Schlages wohl wünschen?
„Ich habe alles schon organisiert und bezahlt beim Friedhofsamt. Einer kommt und spielt „Alles hat ein Ende – nur die Wurst hat zwei!“, schnaubt er unter heftigem Gekichere hervor. Er freut sich sichtlich über seinen lustigen Einfall.
Er starb im größten Zorn mitten in einer Herzattacke – so erzählte es mir der Pflegedienst.
Wegen Corona gab es keinen Trompeter, der ihm sein Wunschlied zum Abschied bließ.
„Der Mensch aber ist nackt, zart, wehrlos und schwach, nichts kann man an den Gliedern sehen, was für einen Kampf oder eine Gewalttätigkeit bestimmt wäre.
Er kommt auf die Welt und ist lange Zeit vor fremder Hilfe abhängig, kann bloß durch Wimmern und Weinen nach Beistand rufen.
Die Natur schenkte ihm freundliche Augen als Spiegel der Seele, biegsame Arme zur Umarmung, gab ihm die Empfindung eines Kusses, das Lachen als Ausdruck von Fröhlichkeit, Tränen als Symbol für Sanftmut und des Mitleids.“
Aus „Dulce bellum inexpertis“, Erasmus von Rotterdam

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